Brief von Christoph Haaß aus Frankfurt-Bonames an MP Bouffier

An den Hessischen Ministerpräsidenten
Volker Bouffier
– persönlich –
Georg-August-Zinn-Str. 1
65183 Wiesbaden

Frankfurt am Main,  23.06.2011

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

seit rund drei Monaten wird der Frankfurter Norden von unerträglichem Fluglärm überzogen – wegen der Änderung der nördlichen Gegenanflug-Routen.

Ich bin entsetzt und sehr verärgert über diese Entwicklung, denn ich habe mit meiner Frau vor neun Jahren ein Haus in Bonames gekauft. Wir haben uns ganz bewusst für den Frankfurter Norden entschieden und nicht für südliche Stadtteile, weil wir unsere Kinder und uns selbst dem Fluglärm nicht direkt aussetzen wollen.

Durch eine Schreibtisch-Entscheidung der Deutschen Flugsicherung wohnen wir aber nun seit 10. März schlagartig in einer der Haupt-Einflugschneisen des Flughafens, so wie zehntausende, wenn nicht gar hunderttausende Menschen im Rhein-Main-Gebiet.

Es gäbe – mit gutem Willen – genügend Möglichkeiten, die Situation zu entschärfen:

Warum fliegen die Flugzeuge nur auf einer Linie über den Frankfurter Norden und nicht gefächert über einen möglichst breiten Korridor? So wäre die Bevölkerung nur von einzelnen Maschinen betroffen und nicht ständig im Zwei-Minuten-Takt  – und das viele Stunden oder den ganzen Tag lang?  Scheut man da den Konflikt mit den Kommunen im Hochtaunuskreis, weil dort viele Vermögende wohnen?

Und was noch entscheidender ist:

Warum fliegen die Flugzeuge – egal ob West- oder Ost-Wind – bereits über Bonames  so niedrig, obwohl sie noch mindestens 60 Kilometer Strecke bis zur Landung zurücklegen müssen? Einen technischen Grund dafür kann es nicht geben, denn man kann auf der Internetseite des Umwelthauses leicht nachvollziehen, dass sie mitunter 20 oder 30 Kilometer lang auf dieser niedrigen Höhe bleiben, bevor sie zum eigentlichen Landeanflug ansetzen.

Bei uns donnern sie – vor allem früh morgens – teilweise 1.700, teilweise sogar nur 1.200 Meter hoch über das Haus. (z.B. 13.06.11, 5 Uhr 10, LH 401, 6000ft hoch, oder 19.06.11, 5 Uhr 14, LH417, 4550ft hoch). Aber selbst wenn sie 2.500 Meter hoch fliegen, sind sie immer noch laut. Ich habe mich zunächst gewundert, warum ich auf einmal fast täglich zwischen fünf und halb sechs Uhr früh wach werde, etwa eine Dreiviertelstunde vor dem

Wecker-Rasseln, wo ein erneutes Einschlafen kaum noch lohnt. Jetzt ist mir der Grund klar.

Warum bemüht man sich nicht, die Flugzeuge so lange wie möglich so hoch wie irgend möglich zu halten, um Lärm zu vermeiden (Stichwort: Steilanflug)? In London-Heathrow ist es doch gelungen, dadurch Lärm zu reduzieren.

In der Zeitung lese ich, dafür müsse die Flugsicherung mehr Personal beschäftigen, weil der Anflug dann etwas komplizierter sei. Ja, und? Darf man deshalb die Lebensqualität unzähliger Menschen so beeinträchtigen? Durch den Flughafen wird doch genug Geld verdient, meist von denen, die nicht im Lärm wohnen müssen. Was ist mit den Kosten, die durch den krankmachenden Fluglärm entstehen? Was ist im Hinblick auf Immobilien und Grundstücke mit dem Verlust an Wert und Lebenswert?

Ich bitte Sie, alles – aber auch wirklich alles –  in Ihrer Macht stehende zu tun, dass sich diese belastende Situation rasch wieder ändert und abmildert, und dafür auch Ihr politisches Gewicht in der Bundes-CDU einzusetzen.

Die CDU hat den Flughafenausbau durchgesetzt und trägt Verantwortung für die Belastung. Zugleich führt sie die Regierungen in Frankfurt, in Hessen und auf Bundesebene an. Sie hat also alle politischen Möglichkeiten, sich für die Betroffenen einzusetzen und sollte dies – auch in ihrem eigenen Interesse – tun. Denn das Thema Fluglärm bekommt im Rhein-Main-Gebiet immer mehr politische Sprengkraft, weil es die Lebenswirklichkeit der Menschen unmittelbar betrifft und weil immer mehr Menschen nun -so wie wir – merken, was der Flughafenausbau für sie persönlich bedeutet.

Die CDU hat kürzlich ihre bitteren Erfahrungen machen müssen, welche Konsequenzen es hat, sich nicht an der Bevölkerung, sondern an wirtschaftlichen Interessen von Konzernen zu orientieren: auf Bundesebene in der Atompolitik, auf Landesebene bei „Stuttgart21“. Die politische Sprengkraft des Flughafenausbaus in Frankfurt ist sicher nicht geringer. Und ich hoffe, dass sich nicht erst dann etwas ändert, wenn der erste grüne Ministerpräsident in Hessen regiert.

Fraport AG und Flugsicherung erklären offiziell, die Flugrouten müssten so laufen, es gehe nicht anders. Zugleich erklärt Fraport in einem offiziellen Merkblatt zu den Flugrouten, neben der Sicherheit des Flugbetriebs habe die “praktische Anwendbarkeit durch Piloten“ Vorrang, nachgeordnet an dritter Stelle wird dann erst das Ziel der „Lärmminimierung“ erwähnt. Heißt im Klartext: Wenn es praktischer ist, darf es auch lauter sein. Eine solche menschenverachtende Haltung muss die Politik stoppen!

Und eines haben wir alle aus der Debatte über den Atom-Ausstieg gelernt: Wenn es heute von Konzern-Seite heißt: Das geht nicht, so kann es zwei Wochen später plötzlich doch möglich sein. Entscheidend ist: man muss es nur wollen und durchsetzen.

Mit freundlichen Grüßen

Christoph Haaß

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